Flávio Scholles



VORFAHREN

Anton Kieling und Elisabeth Lange

Meine Mutter erzählte uns, dass er Offizier im Heer von Napoleon Bonaparte war, sie eine prinzentochter. Man erzählt von ihr, dass sie ihre Wäsche immer über Nacht auf die Bleiche legte und die Ecken umschlug, damit niemand aus der Nachbarschaft das aufgedruckte Wappen (Krone) sah. Sie kam, von einer "Hofdame" begleitet, nach Brasilien. Sie sprach mehrere Sprachen. Man elzählt, dass ein grosses Vermögen für die Nachkommen bereit stand und dass Anton's Säbel aus Gold gewesen sei u.s.w.
Albino Both schreibt:

"Im französischen Hofstaat war
der grösste Skandal ausgebrochen
denn der "Deutsche", ein Wandale,
sich mit der Hoheit eingemischt hatte."

Pater Guide Both, selbst ein Nachkomme von Deutschen (wie auch Albino Both) schreibt: "1827, Dr. Hillebrandt, Polizeichef aus São Leopoldo, in eine Spalte des Einwandererbuches registriert: Am 4.2.1827 in São Leopoldo angekommen, unter Nr. 275 Anton Kieling, und 276 Elisabeth Lange. " Und weiter heisst es. "Die nettesten Spekulationen lauten: wer waren Anton Kieling und seine Frau Elisabeth Lange? Eine erhaltene Aussage von Herrn Berman Künzel erläutert: Anton gehörte zur Leibwache von Napoleon und hat 1812 an dem Feldzug nach Russland teilgenommen. Als das Heer zerstört war, muss der Offizier Anton in Pferdestall des General's, sein späterer Schwiegervater der zum Baron ernannt worden war, arbeiten. Das 16, 17 jährige junge Mädchen Elisabeth zieht es vor, das Erbe, aber nicht den Anton zu verlieren. "
Er war deutsch, sie französin.


Martin Scholles und Maria Anna Sehn

Sie kamen 1854 nach Brasilien (als er 39 Jahre art war). Mit anderen Einwanderern hat er Einfachschneiss (São José do Herval – Morro Reuter) gegründet. Das Haus, in dem er wohnte, ist noch erhalten. Es ist ein Fachwerkhaus, typischer Baustil der damaligen Zeit in dieser Gegend der deutschen Einwanderer im Staat Rio Grande do Sul in Brasilien.
Meine Grosseltern waren Bauern.
Väterlicherseits:
Johann Scholles (er las viel)
Maria Blume
Mütterlicherseits:
Guilherme Kieling
Tereza Schardong
Karlus Kieling
Margaretha Görgen


MEINE FAMILIE
Als jüngster von 11 Kindern von Anna Kieling Scholles und Carlos Scholles wurde ich geboren, als meine Mutter 47 Jahre alt war. Als ich 3 war, starb mein Vater.
Meine Mutter hat nur die Hilfe einer Hebamme bei der ältesten Tochter und dem jüngsten Sohn, also bei mir, gehabt. Die anderen kamen zur Welt mit der Hilfe meines vaters. Bei zwei Kindern hat sie selbst die Nabelschnur abgeschnitten. Sie ist Ururgrossmutter geworden, hat die 5. Generation erlebt - 5 Frauen - und 1993 starb sie mit 90 Jahren. Sie sagte, dass eine Geburt der grösste Schmerz, aber auch die grösste Freude sei.

Sie war Schneiderin und Bäckerin und hat bei verschiedenen Geburten im Ort geholfen. Den Kundinnen, die etwas zu nähen brachten, bereitete ich einen "Chimarräo" zu (Mate-Tee, der aus einem Kürbisbehälter getrunken wird), und wenn ich die Kuchenformen hier- und dorthin trug, erfuhr ich alle Neuigkeiten des Ortes. Alles hab ich gesehen und gehört: Die Frauen sassen da; so, dass man ihre Höschen sehen konnte, während sie den Kindern die Brust gaben: die Feste; Bälle, von kleinen Musikkapellen begleitet, die ich aus dem Hintergrund beobachtete; das Essen, das meine Mutter zu Festen bereitete, und den geringen Lohn, den sie dafür bekam.

Meine Mutter erzählte immer viel aus der Zeit bevor ich geboren war. Da hatte mein Vater Knechte in der Sägemühle, die behandelt wurden, als gehörten sie zur Familie: João, ein Schwarzer, und ein Indianer (Marciano), der durch seine Hausmedizin, Tees, Pflanzen und Wurzeln, viel geholfen hat. Meine Mutter hat sie hochgeachtet und war ihnen sehr dankbar, dem Schwarzen für seine Treue und dem Indianer für die Hausmedizin, die sie von dan erlernt hatte.


MEINE GEBURT

Meine Schwester Anna Egydia erzählt, dass mein Vater sie am 15.
Februar 1950 geweckt hat, um die Hebamme (Lisbeth Lehnen) zu
rufen. Sie sollte schnell zu uns kommen, denn meine Mutter hätte
" ganz starke Kopfschmerzen". Die Hebamme wohnte in einer ganz
kleinen Siedlung, nahe an einem Bach, in einem weitgestreckten
Tal (Lêva Eck - Leber Eck). Sie war gerade beim Melken. Meine
Schwester erzählte, dass sie sich knapp die Hände wush, ein
Köfferchen nahm und sich mit ihr auf den Weg zu uns hin machte.
Es regnete und war morgens früh. Während dem Marsch hatte meine Schwester sich angeboten, das Köfferchen zu tragen. Zu Hause angekommen, schickte mein Vater sie und die andern Geschwister mit den Nachbarkindern spielen. Nach einer bestimmten Zeit kam er, um alle zu rufen.
“ Kommt schnell nach Hause, und sieht einmal, wer gekommen ist!"
Ich war geboren! Mittags um 12 Uhr.
" Na", sagte meine Schwester, damals 15-jährig, "woher kam er?"
" Dummerle!", antwortete die Hebamme, "du selbst hast ihn im Köfferchen getragen, und jetzt fragst du noch?"


ALLES "FLORIBUS"

Der ganze Ort wurde zu Ostern geschmückt! Zu Ostern bekam man neue Kleider. Die getragenen Sonntagskleider wurden "herabgesetzt" und man trug sie samstagsnachmittags, und die Neuen wurden zum ersten Mal am Osternsonntag getragen. Danach an der "Kerb" (Kirchweihe), drei Wochen später, und zum "Kerbball". Monate zuvor wurden die Blumen gepflanzt, die um diese Zeit blühen. Die Häuser wurden mit Kalk gestrichen, die Rasenflächen gemäht und grosse, dicke Kekse (Hasen, Sterne, Blumen, u.s.w.) gebacken.

Abends sass die ganze Familie um den grossen, langen Esstisch an dem alle Platz hatten, im Schein der alten Kerosinlampe und dann warden die Kekse bunt angemalt. Ich, damals erst 4 bis 5 Jahre alt, setzte mich gegen meine älteren Geschwister durch: Ich allein streute den bunten Zucker darauf. Mit diesem bunten Zucker erfand ich Formen und Bilder. Es waren meine ersten Zeichnungen.

Wenn sich im Herbst die Wolken des Himmels in ihrer ganzen Farbenpracht zeigten, fragte ich meine Mutter:'Warum ist der Himmel so bunt?" Sie hätte es mir sicher anders erklären können, aber sie regte meine Phantasie an und sagte:"Etwas bunte Farbe vom Osterhasen ist an die Wollten gespritzt".

Nachdem mein Vater gestorben war, schlief ich bei meiner Mutter im Zimmer, in einem kleinen Weidenbett auf einem "Strohsack", und dann fragte ich sie: "Mutter,welches Haus hat die schönste Farbe?" Sie nannte dies oder jenes, aber ich:"Ah, ich mag Victor's Haus am liebsten", denn es war "see-grün" gestrichen.


KIRCHENFENSTER, KINDER OHNE MUND UND FRAUEN

Ich wurde immer gefragt, warum ich die Umrisse meiner Bilder "schwarz" und die 'Kinder ohne Mund" male? Ich tat das ganz intuitiv, unbewusst. Dazu hatte ich keine Erklärung, bis ich eines Tages in Herval (Teewald) eine Ehrung bekam als "Bauer, der hervortrat". Als ich in das Kirchlein eintrat, erinnerte ich mich spontan an eine Situation in meiner Kindheit: Ich kniete in dieser Kirche nieder, ich trug einen Pullover mit Knöpfen, den ich furchtbar und feminin fand, denn er gehörte einmal meiner Lieblings-Schwester Walesca. Hier hatte ich gestanden, als ich 4 jahre alt war und auf die Kirchenfenster geschaut hatte. Wir waren sehr arm, hatten keine Bücher über Kunst, keine Zeitschriften oder Bilder, kein Radio oder TV, und die einzige Information über Plastische Kunst, die ich hatte, waren die Kirchenfenster dieser kleinen Steinkirche, die mein Vater zu bauen geholfen und in deren Chor er immer gesungen hatte.


Wenn man Besuch bekam, besonders zur "Kerb", wenn Venvandte aus einem Ort die im andern besuchten, mussten die Kinder hinter dem Ofen auf einer Bank sitzen und den Mund halten. Auf der gleichen Bank standen ein Eimer mit Brunnenwasser, ein Becher und die Waschschlüssel. Die Kinder mussten still sein und hatten kein Recht zu reden.

Die Frauen sehen immer sehr stark und ausdrucksvoll auf meinen Bildern aus, eigentlich ganz unbewusst so von mir dargestellt. Die Frauen auf dem Land halfen immer bei der täglichen Arbeit und durften ihre Meinung äussern. Zusammen mit den kleinen Kindem pflanzten sie die Lebensmittel für den täglichen Gebrauch, sie versorgten das Vieh und führten den Haushalt während die Männer mit den grösseren Kindern das pflanzten, was verkauft werden konnte und Geld einbrachte. Während "Chimarrão" (Mate-Tee) getrunken wurde, traf man die Entscheidung über das, was an diesem Tag getan und gepflanzt werden musste.


MEINE ERSTEN SKULPTUREN

Der Pater oder Pfarrer, der Arzt und der Lehrer waren am Ort die angesehensten Leute. Meine Schwester Egydia war in den Lehrer verliebt. Sie waren jung und "modern" und fuhren mit dem Bus in die Stadt,der einmal in der Woche bei uns vorbeifuhr. Mir brachten sie eine Krawatte mit und für unsere Wohnung eine Büste aus Gips von Pater Reus. Ich fragte, was sie dafür gezahlt hatten: "Soundsoviel", war die Antwort.
Ich fand es zuviel und sagte: "Warum habt ihr so viel dafür bezahlt, wenn ich sie hätte machen können?"
" Quatsch! Nie im Leben kannst du so etwas machen", fordern sie mich heraus.
Ich lief auf unseren Holzplatz, suchte eine Holzspan, dann im Sumpf schwarze erde und fing an zu modelieren. Es gelang. Nachdem es unter unserem "Caqui"-Baum (Obstbaum) angetrocknet war, brannte meine Mutter es im Backhofen. Dieses war meine erste Skulptur. Nun formte ich die Zweite, ganz frei, ohne Model. Die andern sagten, es sei der Kopf meines Vaters. Damals war ich 7-8 Jahre alt.


MEIN STIPENDIUM

Als mein Vater noch lebte, gingen meine Geschwister in eine Schule, in der sie für das Schulgeld arbeiten mussten; und wenn sie dann nach Hause kamen, mussten sie noch fleissig auf dem Feld mitarbeiten. Auch ich arbeitete auf dem Feld in den Ferien, um auf diese Weise zu helfen, das Schulgeld aufzubringen.
Eines Tages sagte meine Mutter: "Du musst studieren!" So wie alle andern auf unserem Dorf, wollte ich für "Pater studieren". Aber vorher geschah ein Wunder! Leonel de Moura Brizola, der Staatsgouverneur teilte an Bauemsöhne Stipendien aus, und ich war einer der "Auserwählten"! Ich konnte lernen. Das war im Jahr 1959.


EIN ARARA

Ich war drei Jahre im Internat einer “Schule namens“ Imaculada Conceição" in Dois Irmãos (Baumschneiss), RS, und danach im Seminar in Esteio, RS, und zuletzt in Rio Claro, SP. Als ich in das Seminar eintrat waren fast alle meine Kollegen italienischer Abstammung und sprachen einen italienischen-, ich aber einen deutschen Dialekt. So musste ich mich der Umwelt verständlich machen. Schülhtern wie ich war, versuchte ich es über's Malen. Mit einfachen Buntstiften habe ich einen so schönen Arara gezeichnet, dass der Pater es kaum glauben konnte.

Dieser Pater hatte das schanste Wasserfarbenetui, das ich je gesehen
hatte und mir nie hätte vorstellen können. Nach diesem Ereignis mit dem Arara lieh er es mir immer aus, um die besten Chroniken, Poesien und Texte der Seminaristen zu illustrieren, die in einem Jahrbuch "Claretianinho" zusammengefasst wurden. Mein Kollege Lino Girardi und ich waren nun frei zum Malen und Zeichen und mussten nicht mehr beim Hausputz und anderen Arbeiten helfen. Pater Javier Mateo Araña, aus Spanien, der soeben ordiniert worden war, gab mir vom dem Geld, das seine Familie ihm geschenkt hatte, um damit die drei ersten Leinwände und einige Ölfarben zu kaufen, denn er meinte, ich hätte Talent zum Malen. Im Seminar gab es eine Bibliotek, Musik, Musiklehrer, Instrumente, einen Chor, Theater, Kino, TV, Aushängeschilder, alles Sachen die mir nie zur Verfügung gestanden batten. Welch herrliche Welt! Soviel Möglichkeiten! Welch eine Ausbildung mir bevorstand! Ich hatte die Absicht mehr für die Menschheit zu tun, aber als Laie. So verliess ich das Seminar am 25 August 1968.

DIE UNIVERSITÄT
1973 haben Marisa, die Mutter meiner Tochter Rudaia, und ich uns entschlossen, nachdem wir gerade ein kleines Häuschen gemietet und möbliert hatten, nach Campinas, im Staat São Paulo, zu ziehen.
Ich hab damals nicht verstanden, warum wir nach São Paulo gegangen sind. Nur viele Jahre später verstand ich, dass der Aufenthalt dort eigentlich der Ursprung meiner Arbeiten über die Bewohner der Vale do Rio dos Sinos gewesen ist.

Ich kann mich noch gut erinnern:
Eine Folklorelehrerin sagte einmal in einer ihrer genialen Vorlesungen:
“Rio Grande do Sul ist kulturgemäss in zwei Staaten geteilt:
a) Auf der einen Seite des Guaibaflusses lebt der Gaúcho (Viehtreiber) mit einem besonderen Sprachakzent, seiner typischen Kleidung und Ernährung, die plastisch und kulturell erforscht werden.
b) Auf der anderen Seite des Guaibaflusses sind die Brasilianer, Nachkommen von Deutschen, Italienern und Japanern, auch mit eigenem Sprachakzent, Kleidung, Essen, Musik und Wohnstil, deren Kultur weder erforscht noch künstlerisch zum Ausdruck gebracht worden ist’’.
Da dachte ich bei mir: Ich bin ja einer von diesen... Ich bin in dieser Gegend geboren und lebe dort, habe auch einen Sprachakzent, liebe die Bandinha (kleine Musikkapelle), und mag das Essen dieser Region. Hier fing auf einmal meine Arbeit über den Bewohner des Vale do Rio dos Sinos an.


DREI LEHRER

Während der Zeit, als ich die Kunsthochschule besuchte, waren es 3 Lehrer, die mich magisch und endgültig in meinem Werdegang (Studium) geprägt haben: Naiá Correa, Cristina Balbão aus der UFRGS (Staatliche Universität von Rio Grande do Sul) und Bemardo Caro aus der Katholischen Universität Campinas, São Paulo.

Naiá Correa
Tochter des Gründers des Kunstinstitutes, war Zeichenlehrerin. Ich zeichnete akademisch, bis sie eines Tages zu mir kam und vorsichtig sagte: "Zeichne jetzt einmai mit Wut!" Da fing ich an, etwas stärker mit dem Stift zu zeichnen.
" Noch kräftiger", ermunterte sie mich.
Fertig! Nie wieder würde ieh wie früher zeichnen. Mein eigener Stil hatte begonnen!
Bei einer anderen Gelegenheit sprachen wir, mir nichts, dir nichts, darüber, dass ich heiraten wollte. Bedenklich schüttelte sie den Kopf. Ich war damals 22 Jahre alt und verdiente nur einen Mindestlohn von etwa US$ 100. Manchmal musste ich mit Kollegen eine Zeichnung für einen "Crayon" oder eine "Graphit" umtauschen oder eine Zeichnung für 2 Zeichenpapierblätter. Ich war sitzen geblieben in andern Fächern, well ich kein Geld hatte, das ganze Material zu kaufen. Arme in den staatlichen Universitäten sind eine Ausnahme in Brasilien.
Sie sagte:
" Du hast alle Voraussetzungen, ein grosser Künstler zu werden. Die Heirat hat schon das Leben vieler Künstler gestört!"

Cristina Balbão
Güte in Person. Ihre Güte beeindruckte sehr. In dem Raum der lebenden Modelle stellte sie die Fantasien von "Bumba meu boi" (aus der Folklore) auf, und alles war mit vielen bunten Fähnchen geschmückt. Wunderschöne Bühnenausstattung!
Sie liebte das Leben. Sie stellte die Modelle auf und sagte:
" Ja,ja! Jawohl, sehr schön", und nahm meine Zeichnungen und heftete die schönsten an einem Wandbrett fest, ein “Idealisten-Wandbrett’’. "Jetzt versuch es einmal so!"
Und weiter: "So ist's gut!"
Sie huschte wie ein Engel an mir vorbei und flüsterte mir leise zu: "Du könntest es so machen...’’
Später, als ich meine Ausbildung fertig hatte, schaute ich des öfteren, gern bei ihr rein."Komm wieder und bring Material mit, damit du zeichnen kannst. Es ist immer wertvoll!"
Ich höre sie immer noch sagen:
" Wie gut, wie gut!" Sie liess mich aber immer merken, dass ich
noch nicht alles wusste und auch nie alles wissen würde und stehen
bleiben würde in dem Augenblick, wenn ich meinte, alles zu
wissen.

Bernardo Caro
In der PUC von Campinas, SP, war Bernardo Caro Zeichenlehrer, der berühmt war und schon Prämien bekommen hatte. Was ihn am meisten kennzeichnete war seine Brille und die langen Koteletten, die bis unterhalb der Ohren reichten. Nach der ersten Unterrichtstunden zeigten ihm meine Kollegen das Bild, das ich von ihm gemalt hatte (in der Stunde solten wir deformierend zeichnen). Er sah es sich an und faltete das Blatt zusammen. Für mich war es mein bestes Portrait, das ich bis dahin gezeichnet hatte. Von da ab gab er mir nur noch "1A" als Note. "Ein Künstler bekommt eine “1A", sagte er.
Er lud mich ein, die Einweihungsausstellung seines "Convivio de Arte" (Kulturzentrum und Schule) mit meinen "Cartoons" zu machen. Ihm verdanke ich die Struktur meiner Arbeit. Das Wagnis und die Freiheit zu schaffen.

ANNAHME DER IDENTITÄT
Mit 10 Jahren lernte ich Portugiesisch sprechen. Bis dahin sprach ich nur den Dialekt, der im Vale do Rio dos Sinos grösstenteils gesprochen wird.
Wir konnten kein Deutsch und kein Portugiesisch. Wir waren ein Klümpchen Menschen, verloren in der Welt, ohne Stimme, ohne Kommunikation. In dieser Zeit begann die Industrialisierung des Landes, und insbesondere im Vale do Rio dos Sinos. Ausserdem wurde angefangen, mit Maschinen grosse Flächen Land in Rio Grande do Sul, im Norden des Staates Paraná und dann in Mato Grosso, zu bepflanzen. Und dadurch wurde der kleine landwirtschaftliche Betrieb nicht mehr rentabel. Die Bauern fingen an,auszuwandern in die Städte, in denen sie sich als Aussenseiter fühlten. Die noch auf ihrem Land blieben, schämten sich ihrer Wirklichkeit. Besonders durch die Folgen des Krieges fingen sie an, ihre Sprache, ihre Wirklichkeit, ihre Sitten, ihre Häuser u.a.m. zu leugnen. Sie verloren ganz und gar ihre Identität. Sie hatten ganz markante kulturelle Eigenschaften. Diese bildeten den "Rohstoff" für mein künstlerisches Schaffen. Da empfand ich auf einmal, dass es Zeit war, meine Identität anzunehmen und etwas zu tun, um einen Tell der Kultur des Landes zu erhalten. Mir wurde es auf einmal bewusst, dass niemand unsere Realität darstellen würde, wenn wir es nicht selber täten. So hab ich also 1975 mit einer Serie über meine Geschichte angefangen, die meiner Familie, die weitgreifend auch die Geschichte der Mehrheit der Bewohner unseres Ortes und des Vale do Rio dos Sinos waren. Ich babe die Globalisierung vorausgesehen.

1977 - CASA VELHA
Novo Hamburgo erlebte die Explosion der Schuhindustrie. Es war ein Paradies! Ohne eine Land Reform, brachte das Arbeitsangebot Tausende von Menschen, die grösstenteils vom Land kamen, in die Stadt. Die Bevölkerung der Stadt schwoll an, und somit bildeten sich Armenviertel um die Stadt wie ein Gürtel. Zur Zeit der Einwanderung 1824, während in Europa die Romantik die neue Kuostrichtung war, übernahm man in der neuen Heimat natürlich auch diesen Kunststil und hielt 150 Jahre daran fest. Erst die Einrichtung der Casa Velha (Das Alte Haus – Kunst Zentrum) brachte 1977 die Wende: Sie prägte den Gedanken, dass der Künstler sich an seinem Geburtsort festsetzen solle, um dort eine Kunst zu entfalten, die sich am besten mit der Region identifiziert. Dadurch würde vermieden, dass der Künstler in die grossen Zentren ging. Dazu war viel Mut nötig. Die Region schien reif zu sein und wartete sehnsüchtig, dass die Kunst einen Raum bekam. Es gab bis dahin keine Kulturzentren und Galerien, und deshalb unterstützte sie diese INITIATIVE. In dieser Zeit wurden Denkmäler errichtet mit dem Versuch, die Kunst dem Volk näher zu bringen.
Die Polemik um das Denkmal des Schusters und das Symbol des Schuhs als Nahrung für die Bevölkerung war wesentlich politischen Ursprungs. Es wurden Ausstellungen gemacht, in denen Cartoons, Photographien Kirchenfenster, Batik u.s.w zu sehen waren. Diese veranstalten wir auch in entfernten Orten und Städtchen der Gegend Ausserdem gaben wir interviews, hielten Vorträge, gaben Konzerte, führten Sprechchöre vor, Folklorengruppen aus Rio Grande do Sul sangen, spielten und tanzten, was in der lokalen Presse, besonders der Tageszeitung NH, veröffentlicht wurde, meistens durch die Reporterin Evania Reichert.
Es entstanden Theatergruppen, und die Bewegung um die Kunst war sehr gross. Wir hatten zu schnell und zu viel die Mentalität des Volkes der Gegend verändert, so dass die Casa Velha als Kunstzentrum wieder geschlossen werden musste und leider nur 2 Jahre bis Anfang 1979 dauerte.


TRAVESSÃO
Seit der Einrichtung der Casa Velha können wir die Bewegung, die in ihr startfand, in 3 Phasen einteilen. Die erste Phase der Casa Velha und des Umgangs mit der Kunst in Hamburgo Velho (Alt Hamburg) hatte als Ziel, die ganze Gegend des Vale dos Sinos zu erreichen. Die zweite Phase waren die Denkmäller: Denkmal der Bibel und die Paineele des São Crispin und São Crispiniano von Marciano Schmitz; die Gemälde über Fussball und Karneval von Carlos Alberto Oliveira; und das Schuster-Denkmal, die Schlange und die Darstellung des Schuhs als Nahrung von mir selbst Die dritte Phase war die, dass wir den ganzen Staat erreichen wollten.
Um das möglich zu machen, eröffneten wir eine Filiale in Travessão (Kreuzung),ein neutrales Gebiet des Vale dos Sinos, die Grenze zwischen 4 Dörfe. Als Casa Velha geschlossen wurde, zog ich nach Travessão, um mich dort der Thematik des Bewohners des Vale dos Sinos zu widmen. Nach meiner Niederlassung in Travessão und schwerer Arbeit fand ich meinen Stil. Dann fing ich an meine Arbeit einzuteilen. Ich fand 3 Themen: Kolonie, Landflucht und Stadt. Nachdem viele Jahre vergangen sind und ich Kontakt mit Europa aufgenommen habe, werde ich versuchen, ein weiteres Thema hinzuzufügen: Die Wurzeln oder Der Ursprung.